Bildung Hand in Hand: Wie bleibt das Netzwerk erhalten?
Rund 40 Fachleute aus den lokalen Bildungs-, Jugend- und Gesundheitseinrichtungen und von der Bezirks- und Senatsverwaltung trafen sich am 18. Juni im Jungen Tanzhaus Berlin in der Lucy-Lameck-Straße 32. Im vergangenen Herbst ist das Tanzhaus hier eingezogen.
Rückblick und Ausblick
Quartiersmanager Thomas Helfen warf zunächst einen Blick auf den Stand der Dinge: „Es gibt seit 20 Jahren eine enge Zusammenarbeit mit den Bildungseinrichtungen.“ In dieser Zeit sind an fast allen Bildungsstandorten Bauvorhaben umgesetzt worden. Das Bildungsnetzwerk hat eine Reihe neuartiger Formate zur Vernetzung entwickelt, zum Beispiel die Zusammenarbeit der Grundschulen mit den Kitas oder die „Sanften Übergänge“ von den Grundschulen auf das Albert-Schweitzer-Gymnasium. Außerdem sind Synergien durch die Mehrfachnutzung von Gebäuden entstanden, etwa bei der Mitnutzung des neuen Blueberry durch die Volkshochschule und die Stadtbibliothek.
Das Quartiersmanagement (QM) hat das Bildungsnetzwerk bisher zusammengehalten. „Ende nächsten Jahres wird es das QM nicht mehr geben“, stellte Thomas Helfen fest. „Da muss man sich Gedanken machen, wie das Netzwerk weitergeführt werden kann.“
Ungewissheit in der Planung
Die Rahmenbedingungen machen die Planung nicht leicht: Die Zahl der Kinder geht in Nord-Neukölln seit ein paar Jahren zurück, die Zahl der Jugendlichen wird hingegen noch bis in die 2030er Jahre anwachsen. „Erfreulicherweise hat sich die Kinderarmut halbiert“, berichtete der Quartiersmanager. „Das schlägt sich aber nicht in allen Einrichtungen nieder.“
„Mit dem Ende des QM fällt die zentrale Kommunikationsstelle weg“, bedauerte Ülker Hanke, Leiterin der Kita Lucy-Lameck-Straße. „Wenn die Verbindungen verloren gehen, verlieren wir Handlungsmöglichkeiten.“ Sie plädiert für die Gründung eines Bildungsverbundes Flughafenstraße. Solche Bildungsverbünde gibt es schon in mehreren Neuköllner Stadtvierteln. „Es geht darum, das zu bewahren, was wir in vielen Jahren erarbeitet haben“, so Ülker Hanke. „Wir würden nicht bei Null anfangen.“
Horizonterweiterung aus Hessen
Zur Horizonterweiterung hat das QM zwei Referierende aus Hessen eingeladen. Welela Samson vom Stadtschulamt Frankfurt am Main berichtete vom Projekt „Bildungskommune“. Mit „Stadtteil-Laboren“ hat man in vier Pilotstadtteilen die Nutzenden der Bildungseinrichtungen beteiligt. „Ziel war es herauszufinden, was schon gut funktioniert und was fehlt“, so Welela Samson. „Die Zugänge sollen sich für alle verbessern.“ Das Projekt habe die Perspektive erweitert. So hätten sich beispielsweise Seniorentreffs bisher gar nicht als Bildungseinrichtungen gesehen. Welela Samsons Fazit: „Netzwerke haben ein großes Potenzial für lebenslanges Lernen.“
Alexander Wicker vom Verein Büdinger Kreis stellte die Demokratiewerkstätten vor, ein Format der aufsuchenden politischen Bildung. „Interessierte Menschen treffen sich und unterhalten sich selbstbestimmt, aber moderiert, über politische Themen“, erklärte Alexander Wicker. „Die Themen kommen konsequent von den Menschen selbst.“ Das können aktuelle Fragen aus der Weltpolitik oder auch lokale Aufreger sein. Eine Demokratiewerkstatt ist auf Dauer angelegt. „Sie findet so lange statt, wie es Leute gibt, die da hinkommen“, berichtete Wicker. Zur Zeit gibt es 17 aktive Demokratiewerkstätten. Die Voraussetzungen sind gering. Es braucht eine sozialräumliche Anknüpfung, eine Person, die die Leitung übernimmt, und einen öffentlichen Auftakt. Häufig sind Demokratiewerkstätten an Volkshochschulen angedockt.
Der Workshop tanzt
In drei Arbeitsgruppen diskutierte man dann eine Stunde lang über die Aussichten für die frühkindliche Bildung, für die schulische (und außerschulische) Bildung und für die „Dritten Orte“ des lebensbegleitenden Lernen, also etwa die Volkshochschule, die Stadtbibliothek oder die Musikschule.
Bevor die Workshop-Ergebnisse in großer Runde präsentiert wurden, gab es einen Programmpunkt zur Auflockerung: Zwei Ensemble-Mitglieder aus dem Jungen Tanzhaus animierten die Teilnehmenden für fünf Minuten zu kollektiven Tanz-Moves. In gelöster Stimmung ging es so in die letzte Etappe des Nachmittages.
Wie kann es weitergehen?
Wie kann es nun mit dem Bildungsnetzwerk ohne QM weitergehen? „Ein Vorteil war, dass alles so unbürokratisch funktioniert hat“, sagte Dörte Borrmann, Leiterin der Kita Forum Soziale Dienste in der Reuterstraße. Michael Thoma vom Jugendamt ergänzte: „Die Möglichkeit, einfach mal so zum Telefon zu greifen – das hat man sonst nicht.“
Der Leiter des Albert-Schweitzer-Gymnasiums, Thomas Pille, fragte: „Wie viel Kraft haben wir übrig, um solche Netzwerke aufrecht zu erhalten?“ Angesichts der alltäglichen Arbeitsbelastung ist er skeptisch. „Das ist für uns oft schon zeitlich nicht möglich. Wir brauchen jemanden, der uns zusammenbringt, der aktiv neue Ideen reinbringt und der sich mit der Landschaft der Fördertöpfe auskennt“, forderte Thomas Pille. „Wir haben die Strukturen“, erklärte Dörte Borrmann. „Wir brauchen aber Finanzen für die Kooperation.“
Offene Ohren im Bezirksamt
Bei Janine Wolter, Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur und Sport, trafen die Gedanken auf offene Ohren. „Netzwerke und Bildungsverbünde brauchen wir überall“, sagte sie zum Abschluss des Perspektivenworkshops. „Wir müssen von früh an die Kinder mitnehmen und in die Familien gehen.“ Sie „hinterfragt“ die Vorgabe, dass Quartiersmanagements nach Ablauf einer vorbestimmten Zeit ohne eine Auswertung beendet werden. Das Bildungsnetzwerk Flughafenstraße könne bei ihr immer anklopfen.
„Wir haben neue Verbündete gefunden, um die unausgeschöpften Potenziale auch nach 2027 zu nutzen“, freute sich Quartiersmanager Thomas Helfen. Die Bildungsnetzwerk-Runde setzt sich am 8. September wieder zusammen.








