48 Stunden Neukölln - "Neue Echtheit"

Kunstaktionen auf der Straße, Performances in den Arcaden und Ausstellungen im Fotogeschäft – das Kunstfestival „48 Stunden Neukölln“ war auch im Flughafenkiez nicht zu übersehen.


Foto: Birgit Leiß

Foto: Birgit Leiß

Genau das ist der Anspruch des 1999 gegründeten Festivals: die Kunst aus den Galerien zu holen und damit auch Menschen anzusprechen, die nicht zu den klassischen Ausstellungsbesucher*innen gehören. Die Passant*innen im samstäglichen Einkaufstrubel auf der Karl-Marx-Straße machten jedenfalls große Augen, als Fiona Kelly und die Kinder mit ihrem „Spacemobil“ auftauchten. Die Künstlerin hatte das abenteuerliche Musikinstrument gemeinsam mit den Kindern an der „Netten Ecke“ vor der Kindl-Treppe gebaut.
 
Ein Plüschtier, mit dem man Musik machen kann
 
In der Helene-Nathan-Bibliothek konnte man sich an diesem Wochenende Menschen für ein 20-minütiges Gespräch ausleihen. Sechs Personen standen bei der „Lebendigen Bibliothek“ zur Auswahl, allesamt Menschen, die Vorurteilen und Diskriminierung ausgesetzt sind, darunter ein ehemaliger Obdachloser und Trinker, ein Geflüchteter sowie eine Rollstuhlfahrerin.  Am begehrtesten war die Dragqueen. Am Eingang der Bibliothek konnten sich alle ein Buch ihrer Wahl vors Gesicht halten und sich für die „Bookfaces“ fotografieren lassen. Die Kamera sollte die Verschmelzung der Realität mit der Welt des Buches zeigen. Außerdem gab es in der Helene-Nathan-Bibliothek  ein buntes Programm für Kinder und Jugendliche, darunter ein Erzähltheater und ein Konzert der Gitarrenklasse der Musikschule Neukölln. An einem Tisch konnten die Kinder lernen, wie man ein Plüschtier mithilfe einer Musik-App und Elektroden zum Musikmachen bringt.
 
Neuköllns Kids zeigen, was sie können
 
Insgesamt fanden am Wochenende vom 22. bis 24.Juni mehr als 250 Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und Performances statt. Thema war in diesem Jahr „Neue Echtheit“. Es ging um die Diskussion über „Fake News“ und die Rolle von Originalen und Authentizität im digitalen Zeitalter. Der Programmpunkt „Junge Kunst Neukölln“ der erst 2014 eingeführt wurde, ist inzwischen gewaltig gewachsen und zeigt in beeindruckender Weise die Kreativität Neuköllner Kids. So wurden im Cineplex in den Neukölln Arcaden zwei Stunden lang Kurzfilme von Neuköllner Jugendlichen auf großer Leinwand gezeigt. Die Klasse 6c der Hermann-Boddin-Grundschule hatte zusammen mit Fiona Kelly ein 15-minütiges Video über „Ariana“ gedreht, eine Außenseiterin in der Schule, die am Ende durch ihr fußballerisches Talent die Mädchen vor der Blamage rettet. Die Kinder haben nicht nur gefilmt und mitgespielt, sondern auch das Skript geschrieben und die Musik gespielt.
 
Kunst-Koffer auf dem Spielplatz
 
Leider spielte ausgerechnet beim 20-jährigen Jubiläum der 48 Stunden Neukölln das Wetter nicht mit. Kathrin Endres und ihre Kollegin bauten wegen des Nieselwetters mit einstündiger Verspätung ihre Kunst-Koffer auf dem Käpt’n-Blaubär-Spielplatz auf. Die Künstlerin, die ihr Atelier direkt nebenan in der Karl-Marx-Straße 58 hat, war zum ersten Mal mit ihren Kunst-Koffern dabei. Die Koffer sind gefüllt mit Farben, Papier, Schere, Tannenzapfen und anderen Naturmaterialien. Die Idee kommt aus Wiesbaden, erklärt Kathrin Endres: „Es findet immer draußen im Freien statt und die Kinder können malen, was sie wollen.“ Nicht nur Kunst zeigen, sondern auch zum Mitmachen animieren ist schließlich ebenfalls ein wichtiges Anliegen des Festivals, das einst angetreten war, um Neuköllns Negativ-Image etwas entgegenzusetzen.